Kintsugi und Resilienz

Wie Bruchstellen uns innerlich zu stärken vermögen

Kintsugi  (kin= Gold, tsugi=Verbindung) ist eine traditionelle Reparaturmethode aus Japan, bei welcher ein zerbrochener Gegenstand auf eine spezielle Art und Weise wiederhergestellt wird. Das Besondere an dieser Handwerkskunst ist der Umstand, dass das Ziel nicht darin besteht, den Gegenstand so zu reparieren, dass niemand ahnt, dass er je zerbrochen war. Im Gegenteil: Die Bruchstellen und Risse werden nicht verdeckt, sondern mittels flüssigem Gold zusammengefügt und hervorgehoben im Wissen um ihre Sinnhaftigkeit. Der Gegenstand erfährt eine beabsichtigte Transformation und gleichzeitig wird ihm ein neuer Wert verliehen.

Die Metaphorik von Kintsugi unterstützt uns dabei, zu erkennen, dass «Bruchstellen» wie kräftezehrende Herausforderungen, einschneidende Veränderungen, erlittene Verletzungen, prägende Verluste und tief-greifende Krisen nicht verdeckt oder vertuscht werden müssen. Schwieriges in unserem Leben wird nicht be-wältigt, indem es vermieden und verdrängt, sondern indem es anerkannt, offengelegt und zur inneren Trans-formation genutzt wird.

Die in Gold geprägten Bruchstellen und Risse unserer Biographie sind in diesem Sinn ein Symbol für das von uns Erfahrene und gleichzeitig ein Beweis dafür, dass was immer wir auch an Belastendem erlebt haben, es nicht vermochte, uns zu schwächen. Vielmehr sind diese Bruchstellen ein eindrückliches Zeugnis dafür, dass es uns gelungen ist, die Aufgaben, die das Leben uns gestellt hat, selbstwirksam zu meistern und für unsere innere Stärkung konstruktiv zu nutzen.

Diese Sichtweise auf eben diese Bruchstellen und deren bedingungslose Akzeptanz und Integration in unsere Persönlichkeit macht klar, dass gerade sie jeden von uns zu etwas Einzigartigem und Wertvollem machen.